Verein zur Förderung von

Basler Absolventen auf dem Gebiet der Alten Musik

 

Die Festtage 2013

Das Programm

 

Die Dokumentation und das Programmbuch können als pdf heruntergeladen werden.

23. bis 31. August 2013

 

Festtage 2013: Wege zum Barock –

Tradition und Avantgarde um 1600

 

Musik aus Übergangszeiten zwischen zwei Stilen gehört zum Frischesten und Vielfältigsten, was in der Musikgeschichte zu finden ist. Während in den stilistisch einheitlichen Epochen die Gattungen und Formen oft in Tradition verfestigt sind, ist in den Phasen dazwischen bei den Komponisten eine weitaus grös­sere Offenheit für Experiment und Wagnis anzutreffen. Weniger «Regeln» gibt es da zu befolgen, keine fixierten Hör-Erwartungen des Publikums zu befriedigen, man sucht mit aller Phantasie und Kreativität nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, nachdem das Bisherige abgenutzt und fragwürdig geworden ist. War es bei den 1. Festtagen Alte Musik in Basel 2011 der Übergang vom Mittelalter zur Renaissance, der mit Musik aus der Zeit des 15. Jahrhunderts, als Basel Konzilsstadt war, fokussiert wurde, so ist es 2013 der Übergang von der Renaissance zum Barock – also die Musik vor und um 1600. Folglich kann man ausrechnen, welches Repertoire 2015 im Zentrum stehen wird …

Die Zeit um 1600 stellt einen so unglaublichen Reichtum an Musik zur Verfügung, dass es das grösste Problem für die Programmgestaltung dieses Festivals ist, eine Auswahl zu treffen und die wichtigsten Akzente zu setzen. Wo werden die innovativen Tendenzen am frühesten greifbar? Welches sind die Zentren des progressiven Ausprobierens? Welche Komponisten sind daran beteiligt? Wo ist umgekehrt das Musikleben noch am ehesten der Tradition verhaftet? Denn nur vor dem Hintergrund des «Alten» tritt das «Neue» als solches hervor.

Selten kommen bei einem Epochenwechsel so viele «avantgardistische» Aspekte zusammen wie in der Musik um diese Zeit. Nach Jahrhunderten der Vorherrschaft französischer Musik im Mittelalter und niederländisch-flämischer im 15. Jahrhundert spielen sich nun die Entwicklungen in erster Linie in Italien ab; von hier aus wird die Barockmusik nach ganz Europa ausstrahlen.

Einen besonderen Reiz erhält dieser Stilwechsel auch dadurch, dass zum ersten Mal in der Epochengeschichte der alte Stil mit seiner Polyphonie, seiner gemessenen Bewegung und seiner Ablehnung von Affekt und Verzierungswesen neben dem neuen erhalten bleibt und als stile antico zum Träger bestimmter Assoziationen in der Kirchenmusik und der Musiktheorie wird – im ganzen 17. und 18. Jahrhundert erfüllt er somit weiterhin einen wichtigen Zweck neben dem stile nuovo.

Die Programme der Festtage beschäftigen sich in erster Linie mit dem «Barock vor dem Barock», d.h. mit der Frage, welche Strömungen die neuen Ideen am frühesten ankündigen und damit Anstoss geben für Umwälzungen, die sich erst um und nach 1600 etablieren und stilbildend werden. Nicht erst mit dem 17. Jahrhundert («Geburt der Oper», «Anfang des Generalbasses») beginnt der musikalische «Barock», wie die opinio communis lautet, sondern schon zwanzig bis dreissig Jahre oder noch früher beginnen sich die Musiker mit Techniken und Methoden zu beschäftigen, die über das Bisherige hinausgehen und Neuland betreten: Der Weg führt von der Polyphonie des 16. Jahrhunderts zur Monodie des 17., von der prima pratica zur seconda pratica (vgl. den folgenden Text von Frieder Zaminer), von der mehr im Zahlhaften, Strukturellen wurzelnden zur mehr dem Sprachlichen, Expressiven verpflichteten, d.h. von der «Alten Musik» der Renaissance zur «Neuen» des Barock. Im Mittelpunkt stehen die fortschrittlichen Phänomene dieser Inkubationszeit wie z.B. der stile concertato, die auf Expansivität und Dramatik ausgerichtete Mehrchörigkeit, das zum Virtuosen neigende solistische Musizieren (vokal und instrumental), die Herausbildung des basso continuo, die Entwicklung zur harmonischen Tonalität, expressive Chromatik, deklamierende Rhetorik, stile recitativo. «Protobarock» könnte man diese Zeit auch nennen.

Das wichtigste Experimentierfeld dieser Komponistengeneration war das Madrigal mit seinem Bestreben, den Ausdruckswerten der zugrundeliegenden Poesie in der Musik nachzuspüren; in der italienischen Frottola wird der Weg des Madrigals gebahnt, und die Oper wird ihn fortsetzen. Neben den vielen unterschiedlichen Facetten des Madrigals geht das Programm aber auch den zukunftsweisenden Motetten eines Orlando di Lasso, den doppelchörigen Concerti von Willaert bis Gabrieli, der Messkomposition bei Cipriano de Rore und den Entwicklungen in Frankreich und England nach und setzt einen Schlusspunkt 1610 mit der Marienvesper von Claudio Monteverdi, dem «Schöpfer der Neuen Musik», wie er vor 50 Jahren von Leo Schrade, dem damaligen Musikwissenschaftsordinarius in Basel, genannt wurde. In einem der Konzerte wird dem grossen Engländer John Dowland (geboren 1563) ein «Denkmal» zu seinem 450. Geburtstag gesetzt, in einem anderen wird des grossen Madrigalisten Gesualdo gedacht, der vor 400 Jahren (1613) gestorben ist.

Drei Vorträge im Kunstmuseum zu ausgewählten Themen bereichern den Reigen der Konzerte und regen zu tieferer Erkenntnis an. Diesem Ziel dient auch die internationale Fachtagung an der Universität Basel, die das Musikwissenschaftliche Seminar in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin durchführt und deren Besuch allen Festivalbesuchern offensteht.

Das Musikmuseum des Historischen Museums Basel ist mit seinem Direktor ebenso vertreten wie die Kantonale Denkmalpflege mit ihren Mitarbeitern. An Aufführungsorten sticht neben der Martinskirche, der Peterskirche und dem Refektorium des Museums zum Kleinen Klingental besonders das Münster zu Basel hervor, wo sowohl der Gottesdienst mit der vollständigen De-Rore-Messe wie auch die Monteverdi-Vesper als Schlusskonzert zu erleben sind.

Wie zwei Jahre zuvor, so wird auch dieses Mal die «Last» der Aufführungen auf zwei Säulen ruhen: einerseits den bekannten und anerkannten internationalen Spezialensembles und andererseits den jungen Nachwuchsgruppen, die ihre Ausbildung in Basel abgeschlossen haben und auf dem Weg zu einem Platz im Musikleben sind. Letzteren gilt die Arbeit des Vereins zur Förderung Basler Absolventen auf dem Gebiet der Alten Musik, der die Festtage veranstaltet, Erstere setzen die Massstäbe, an denen sich die junge Generation zu messen hat – ein «edler Wettstreit», auf den sich das Publikum nur freuen kann.

So wird dieses Festival eine Fundgrube der schönsten Musik der «Frühen Neuzeit» sein – einer Zeit, die genau zusammenfällt mit den Lebensdaten der grossen Basler Basilius Amerbach (1533–1591), Felix Platter (1536–1614) und Hans Bock d. Ä. (1550–1624). Zu erkunden, was an musikalischen Entwicklungen um sie herum in Europa stattfand, ist das Ziel der Festtage Alte Musik Basel 2013.

Peter Reidemeister

 

 

Programm

 

Freitag, 23. August 2013

20.15 Uhr

Martinskirche

Eröffnungskonzert

Il Concerto sacro

Doppelchörigkeit alla milanese e alla veneziana

Concerto Palatino

Bruce Dickey, Charles Toet

Eintritt: 50/40/30 CHF, nummerierte Plätze

 

 

Samstag, 24. August 2013

12.15 Uhr

Klingental

Alumni 1, Mittagskonzert

«Concerto delle dame»

Solomadrigale für einen, zwei und drei Soprane

Werke von Luzzasco Luzzaschi, Claudio Monteverdi, Girolamo Frescobaldi u.a.

Ensemble Il Zabaione Musicale

Eintritt frei, Kollekte

 

18 Uhr

Kunstmuseum, Vortragssaal, Zugang Picasso-Platz

Vortrag 1

Fünf Stimmen für das Ich?

Wie das Individuum Eingang in den Tonsatz fand

Prof. Dr. Silke Leopold

Eintritt frei

 

20.15 Uhr

Martinskirche

Il Ballo del Granduca

Vom Renaissance- zum Barocktanz

Tanz und Tanzmusik aus Italien und Frankreich

von Malvezzi bis Lully

Tanzduo Il Ballarino

Musica Fiorita, Daniela Dolci

Eintritt: 50/40/30 CHF, nummerierte Plätze

 

Sonntag, 25. August 2013

10 Uhr

Münster zu Basel

Musik im Gottesdienst, mit Abendmahl

Cipriano de Rore, Missa «Doulce memoire»

Brabant Ensemble, Oxford

Stephen Rice

Eintritt frei, Kollekte

 

15 Uhr und 17 Uhr

Besammlungsort: Innenhof des Rathauses

Stadtführung mit Mitarbeitern

der Kantonalen Denkmalpflege Basel-Stadt

Dr. Thomas Lutz, Dr. Martin Möhle

Eintritt frei

 

19 Uhr

Schützenhaus

Diminuito –

italienische Musik um 1600

Rolf Lislevand Ensemble

Festessen nach historischen Rezepten

300 CHF, beschränkte Anzahl Plätze auf Bestellung

renato.pessi@festtage-basel.ch

Benefizveranstaltung zugunsten des Vereins zur Förderung von Basler Absolventen auf dem Gebiet der Alten Musik

 

Montag, 26. August 2013

18 Uhr

Kunstmuseum, Vortragssaal, Zugang Picasso-Platz

Vortrag 2

«sozusagen ein Instrument der Götter»

Die Lyra und ihre Metamorphosen

Dr. Martin Kirnbauer

Eintritt frei

 

Dienstag, 27. August 2013

12.15 Uhr

Peterskirche

Alumni 2, Mittagskonzert

«sulla Lira.».

L’arte della recitazione

Giovanni Cantarini, Gesang und Rezitation

Baptiste Romain, Lira da Braccio und Violine

Brigitte Gasser, Lira da gamba und Viola da Gamba

Julian Behr, Laute und Theorbe

Eintritt frei, Kollekte

 

20.15 Uhr

Martinskirche

«Vergine bella» e Nobildonna

Isabella d’Este und die neue Italianità

Frottole und Instrumentalmusik

des 16. Jahrhunderts

Les Flamboyants, Michael Form

Eintritt: 50/40/30 CHF, nummerierte Plätze

Seite 120

 

Mittwoch, 28. August 2013

18 Uhr

Peterskirche

«Follow Me»

Avantgardismus in der englischen Consort-

und Virginalmusik

Werke von Christopher Tye, Alfonso Ferrabosco II. u.a.

The Earle his Viols, Randall Cook

David Blunden, Virginal

Eintritt frei, Kollekte

 

20.15 Uhr

Martinskirche

Se la mia morte brami

Die Kunst des Madrigals: Luca Marenzio, Cipriano

de Rore, Claudio Monteverdi, Carlo Gesualdo

Profeti della Quinta, Elam Rotem

Eintritt: 50/40/30 CHF, nummerierte Plätze

 

 

Donnerstag, 29. August 2013

12.15 Uhr

Peterskirche

Alumni 3, Mittagskonzert

«Awake, sweet Love»

Lieder und Lautenmusik von John Dowland

David Munderloh, Tenor

Julian Behr, Laute

Eintritt frei, Kollekte

 

18 Uhr

Peterskirche

«Joyssance vous donneray»

Chansons und Madrigale von Arcadelt, Lasso,

Palestrina, Sermisy u.a. über Liebe, Trauer und

Sehnsucht

Arianna Savall Figueras, Sopran

Ensemble Il Desiderio, Thomas Kügler

Eintritt frei, Kollekte

Seite 174

 

20.15 Uhr

Martinskirche

Vespri di Maestro Willaert

Die erste doppelchörige Marienvesper

aus Venedig (1550)

Capilla Flamenca, Dirk Snellings

Eintritt: 50/40/30 CHF, nummerierte Plätze

 

Freitag, 30. August 2013

18 Uhr

Kunstmuseum, Vortragssaal, Zugang Picasso-Platz

Vortrag 3 und Demonstration

Die schönste Musikhandschrift der Welt

Die Busspsalmen von Orlando di Lasso (1560–1570)

Dr. Andreas Wernli

Eintritt frei

 

20.15 Uhr

Martinskirche

«Musica reservata»

Orlando di Lasso, «Busspsalmen» und

«Prophetiae Sibyllarum» sowie

Motetten von Jacob Clement, Jacobus Gallus

und Claude Le Jeune

Huelgas Ensemble, Paul Van Nevel

Eintritt: 50/40/30 CHF, nummerierte Plätze

Seite 200

29.–31. August 2013

Internationale musikwissenschaftliche Tagung

«Cinquecento:

Ästhetik des Hörens in der Renaissance»,

veranstaltet vom Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Basel in Zusammenarbeit mit dem Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft der ­Humboldt-Universität zu Berlin

www.mwi.unibas.ch

 

Samstag, 31. August 2013

12.15 Uhr

Klingental

Alumni 4, Mittagskonzert

«Tout ce qui est de plus beau»

Französische Batailles und Chansons

Thélème, Jean-Christophe Groffe

Eintritt frei, Kollekte

 

19 Uhr, 18.30 Uhr Einführung

Münster zu Basel

Abschlusskonzert

Claudio Monteverdi, Marienvesper (1610)

Gesangssolisten, Ensemble Oltremontano

Ricercar Consort, Philippe Pierlot

Eintritt frei, Kollekte

 

 

Verein zur Förderung von Basler Absolventen auf dem Gebiet der Alten Musik

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